Google Chrome – Hintergründe des neuen Buzz-Browsers
Mittwoch 3. September 2008 von Fabian Drescher
Er setzte in kürzester Zeit neue Maßstäbe für medialen Buzz – selbst die Financial Times berichtete heute auf der Titelseite über ihn. Er ist zur Zeit das meistdiskutierte Thema in SEO-Blogs. Klar: Die Rede ist von Google Chrome – den kürzlich gelaunchten neuen Browser des Suchgiganten.
Der neue Browser passt ausgezeichnet in Googles Strategie
In der kürzlich aufgetretenen “Google Bomb” wurde schnell klar: Weblinks als Empfehlungshinweise für andere Webseiten sind ein guter Indikator, aber um langfristig eine positive “User experience” aufrecht erhalten zu können, braucht Google mehr Standbeine.
Google hat nicht etwa das Ziel, die besten Webseiten für einen Suchbegriff in den oberen Plätzen zu zeigen. Das Ziel Googles ist es vielmehr, eine positive Benutzererfahrung zu hinterlassen. Und die bekommt Google eben über den Weg “relevante Suchergebnisse”, also die besten Websites auf den oberen Plätzen anzuzeigen.
Wie also könnte Google noch einen Qualitätshinweis auf bestimmte Webseiten bekommen? Der Weg ist das Ziel: Man etabliert einen neuen Browser am Markt. Kostenlos, natürlich. Mit zahlreichen Zusatzfeatures, die die User gebrauchen könnnen und ohne Zusatzballast-Funktionen, die ohnehin kaum benutzt werden – fertig ist der neue “Google-Browser”.
Das besondere daran: Kurz vor dem Download bekommt man die Nutzungsbedingungen für die Nutzung von Chrome angezeigt. Gleich darunter ist ein Feld zum ankreuzen. Normalerweise sind hier die User Felder wie “Ich bestätige die AGBs” oder Ähnliches gewohnt und viele Nutzer setzen hier instinktiv ihr Häkchen.
Nicht aber bei Google: Hier lautet das Feld “Unterstützen Sie uns (…) durch das automatische Senden von Nutzungsstatistiken (…) an Google”. Genau hier liegt der Clew: Setzt ein User kurz vor dem Download hier sein Häkchen, so sendet der neue Browser ständig Nutzungsstatistiken über das Surfverhalten des Users an Google.
Nutzungsstatisiken als Tor zu besseren Suchergebnissen
Angenommen, Google bekommt von nun an ständig ein Feedback von den Browsern der User, wie lange sich die User auf welchen Webseiten aufgehalten haben. Könnte man daraus nicht ein sicheres Bewertungsindiz ziehen, welche Webseiten den Usern gefallen, also eine positive “User Experience” hinterlassen und welche nicht?
Ist die Masse der Chrom-User mit Feedbackfunktion einmal statistisch aussagekräftig genug, kann Google so einfach und relativ zielsicher Rückschlüsse auf die Qualität von Websites ziehen. Ein neues Standbein der Offpage-Optimierung könnte so entstehen. Kombiniert man dieses neue Standbein mit den Analytics-Zugriffsdaten, die viele Webseiten schon jetzt durch die Einbindung von Analytics preisgeben haben, so könnte Chrom ein weiterer wichtiger Schritt zu besseren Suchergebnissen sein. Das Offpage-Rankingfaktorenpuzzle wird scheinbar um ein weiteres Puzzleteil erweitert.
Konkret könnten folgende Rückschlüsse durch die neuen Chrom-Daten für Google möglich sein:
- Wie lange haben sich die User auf einer Webseite aufgehalten? Bisher konnte das Google potenziell nur anhand der “Back-Button”-Rate zu den Suchergebnissen oder durch Analyticsdaten feststellen. Klickte beispielsweise ein User auf ein Ergebnis in der Suchergebnisseite und kurz danach auf eine andere Webseite, so konnte Google diesen negativen Indikator bisher nicht nutzen. Mit Chrom wäre das potenziell möglich.
- Wie oft besucht ein User eine Webseite? Wichtiger Indikator für die Zufriedenheit der User – man besucht schließlich (aus Eigenantrieb, nicht aus Suchergebnis-Seiten) eine Webseite nur häufig, wenn die Webseite den Benutzern einen gewissen Mehrwert bietet und eine positive Erfahrung hinterlässt. Genau solche Webseiten möchte auch Google in seinen Suchergebnisseiten darstellen. Die schon lange totgesagte Mentalität “optimieren für Suchmaschinen, nicht für User” könnte somit ihr sicheres Ende finden.
- Welche Webseite hat der User nach dieser Webseite besucht? Wenn die nachfolgende Webseite B eine von A angelinkte Webseite ist, so hat der User wahrscheinlich auf einen Link bei A geklickt. Mit diesem Werkzeug könnte Google potenziell die Durchklickrate (CTR) eines Links auf einer Webseite grob abschätzen und somit einen Indikator über die Wertigkeit eines LInks schaffen. Die Frage “wann ist ein Link ein guter Link” könnte somit potenziell um einen weiteren Faktor “Durchklickrate” ergänzt werden.
- Doorwaypages finden? Könnte für Google ab jetzt zum Kinderspiel werden: Durch die Kombination der oben genannten Faktoren könnte Google natürlich auch “Doorway-Pages” ganz einfach finden: Angenommen, ein User wird von einer Suchergebnis-Seite direkt auf eine Webseite A geschickt. Er hält sich auf dieser Webseite genau 1 Sek. lang auf und besucht sofort danach Webseite B. Dieses “Symptom” tritt nicht nur bei einem User, sondern bei einer statisch akzeptablen Menge an Usern auf. Danach geht der Googlebot auch auf Seite A, doch er wird nicht automatisch auf Seite B weitergeleitet. Wäre das nicht für Google ein eindeutiges und leicht identifizierbares Zeichen für unliebsame “Doorway-Pages”?
- Welche Seiten sind nicht mehr erreichbar (“Fehler 404″)? Mit Chrom für Google ganz offensichtlich: Surft ein Chrom-User auf eine nicht mehr existierende Seite (“Fehler 404″), so kommt eine speziell für Chrom entwickelte Fehlerseite von Google. Allein daran kann Google schnell definieren, welche Webseiten nicht mehr zugänglich sind und diese schnell und präzise aus dem Index entfernen. Somit könnte die Indexaktualität bzw. die “User Experience” in den Suchergebnissen erhöht werden.
- Diese Liste könnte man noch lange fortsetzen. Was fällt Ihnen hierbei spontan ein, wie könnte Google Ihrer Meinung nach durch Chrom seine Strategie weiterführen? Wir sind gespannt auf Ihren Kommentar
In diesem Artikel gehen wir auf die Bedeutung von Google Chrome in der Strategie des Suchmaschinengiganten ein. Ausführliche Testberichte und weiterführende Infos rund um Chrome finden Sie in diesen Blogs:
- Chromium Blog
- PC Welt
- SEO OnReact (Sprache: Englisch)
- The Inquirer
- Focus Online
- Dave Naylor (Sprache: Englisch)
- Golem (2)
- MJ
- Heise
- Google WatchBlog
- Google Blogoscoped
- Spiegel Online
- Matt Cutts
- Teltarif
- Jojo
- Paul-Anton Neumann
- Off The Record
- ShoeMoney (Sprache: Englisch)
Alle Posts von Fabian Drescher | @ bei Twitter folgen
Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 3. September 2008 um 16:08 und abgelegt unter Agenturleben. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.


Mittwoch 3. September 2008 um 21:39
Grundsätzlich ist es gut, wenn Google damit die Möglichkeit hat Suchergebnisse zu verbessern, aber die Tatsache, dass die gesamte Browsing-Historie auf Google-Servern gespeichert wird, und der Nutzer nicht mehr selbst entscheiden kann, diese zu löschen, ist beängstigend. Google ist nun mal kein Wohlfahrtsverein, sondern ein Unternehmen, das Geld verdienen will und muss.
Donnerstag 4. September 2008 um 14:14
in puncto Strategie denke ich, dass es mitunter für das Look und Feel von Android interessant werden kann. Das Interface ist dermaßen minimalistisch geschnitten, das es recht gute Chancen hat auch auf einem Handydisplay übersichtlich wirkt. Bin mal gespannt wie sich diese Symbiose auswirken wird.
Donnerstag 4. September 2008 um 15:47
Das diese Daten mit in den Index einfließen werden ist klar. Aber aller Relevanz Hintergründe bleibt doch ein komischer Geschmack im Mund zurück. Wann wird Google die Weltmacht übernehmen? Kann irgendjemand Google auch mal wieder stoppen?
Samstag 15. November 2008 um 18:17
Naja 404 Seiten findet der Bot ja auch schon so und daß diese auf gesehen und gefunden werden, sieht man ja auch an den Daten in den Google Webmaster tools.